Mittwoch, 21. März 2012

Stadtbahnlinie U12: die unfreiwillige Komik der SSB

Irgend etwas scheint nicht zu stimmen im Verhältnis zwischen der SSB (Stuttgarter Straßenbahnen AG) und der DB (Deutsche Bahn AG).

Dieser Tage ließ ein Vertreter der SSB verlauten, dass man den Tunnelvortrieb für den neuen Tunnel der Stadtbahn unter der Heilbronner Straße nicht der DB überlassen könne. Und als Begründung wird geliefert, dass dieser Tunnel die Qualität aufweisen müsse, die die Stuttgarter gewohnt sind.



Das führt direkt zum Umkehrschluss. Anscheinend ist die DB nach Auffassung der SSB nicht in der Lage, in Stuttgart Tunnel zu bauen, die die in Stuttgart gewohnte Qualiltät aufweisen. Wenn das stimmt, kann einem ja Angst und Bange werden. Denn schließlich plant die DB, im Rahmen des Projekts Stuttgart 21 Tunnels unter Stuttgart mit einer Länge von mehreren Dutzend Kilometern zu bauen.

Es stimmt darüber hinaus vieles nicht im Zusammenhang mit den Stadtbahntunnel-Umbauten als Folge von Stuttgart 21 und der Stadtbahnlinie U12. Die als Folge von Stuttgart 21 erforderlich werdenden Stadtbahntunnel-Umbauten unter der Heilbronner Straße und bei der U-Haltestelle Staatsgalerie kosten zusammen mindestens 200 Millionen Euro. Für diesen Betrag wird aber keine Verbesserung für den öffentlichen Verkehr und für den Schienenverkehr erreicht. Damit wird auch nicht erreicht, dass mehr Autofahrer auf die Bahn umsteigen. Nein, die 200 Millionen Euro werden ausschließlich für das Umbauen von Tunnels fällig. 

Mit 200 Millionen Euro könnte man in anderen Städten ganze Stadtbahnnetze neu aus dem Boden stampfen. Die englische Großstadt Leeds zum Beispiel, die zur Zeit größte Stadt in Europa ohne Straßenbahn, wartet sehnsüchtig auf einen edlen Spender, der ihr 200 Millionen Euro (ca. 160 Millionen Pfund) für den Aufbau eines Stadtbahnnetzes gibt. Und bei rein objektiver Betrachtung wäre der Aufbau eines Stadtbahnnetzes in Leeds, wodurch man hunderte von dieselstinkenden Bussen ersetzen könnte, für die Umwelt und für die Menschen wesentlich wichtiger als das Umbauen von Tunnels der Stadtbahn in Stuttgart. Und Leeds ist nur eines von hunderten möglicher diesbezüglicher Beispiele.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Führung der U12. Die aus der Nordbahnhofstraße kommende Stadtbahn soll an den sowieso schon überlasteten Stadtbahntunnel unter der Heilbronner Straße angebunden werden. Das ist ein Kardinalfehler. Keine andere vergleichbare deutsche Stadt hat nur zwei Stammstrecken für die Stadtbahn, wie das in Stuttgart der Fall ist (die beiden Stammstrecken sind die Strecken Türlenstraße-Olgaeck und Stöckach-Staatsgalerie). Drei oder vier Stammstrecken sind bei vergleichbaren Netzen die Regel. Auch das Verhältnis zwischen den Außenästen und den Stammstrecken ist in Stuttgart mit der Zahl neun so groß wie in keiner anderen deutschen Stadt. Dieses Verhältnis bewegt sich im Regelfall zwischen zwei und sechs.

Was also läge näher, als die Stadtbahn aus der Nordbahnhofstraße direkt an die Innenstadt anzubinden, mit einer dritten oberirdisch verlaufenden Stammstrecke in der Straße Am Schlossgarten? Die Weiterführung der U15 wäre oberirdisch im Verlauf des City-Rings bis Olgaeck. Die Weiterführung der U12 könnte über die Kriegsbergstraße laufen. Nur so wird es möglich sein, einen möglicherweise wegen Umweltschutzauflagen demnächst erforderlich werdenen 7 1/2 - Minuten - Takt für alle Stadtbahnlinien zu fahren.           

Aber es hat den Anschein, als wäre auch die SSB vollständig von Stuttgart 21 vereinnahmt. Stuttgart 21 muss sich anscheindend alles andere unterordnen. Wo bleibt der Elan und die Kapazität für das Kerngeschäft? Leiden müssen die Fahrgäste. Nicht nur wegen Fahrtunterbrechungen und Umleitungen in Folge von Stuttgart 21. 

So lässt zum Beispiel der Fahrplan der Stadtbahn seit einiger Zeit zu wünschen übrig. In S-Heslach folgen sich die beiden dort verkehrenden Linien U1 und U14 im Abstand von einer bzw. seit kurzem von zwei Minuten. Dann ist wieder acht Minuten Pause. Bei der Stadtbahnhaltestelle Rotebühlplatz fahren die dort verkehrenden drei Stadtbahnlinien im Abstand von zwei Minuten. Zwei der drei Linien fahren sogar in derselben Minute - zumindest nach Fahrplan. Da dies in der Praxis nicht möglich ist, muss jeweils einer der beiden Züge bei der Kreuzung Berliner Platz eine längere Wartezeit einlegen. Auch bei der Haltestelle Hauptbahnhof der Linien U9 und U14 fahren die Linien kurz hintereinander. Und dann stehen sich die Fahrgäste wieder acht Minuten die Füße in den Bauch.

Die Politik ist weitgehend abwesend. Zwar gab es zum Beispiel in S-Heslach Beschwerden über den komischen SSB-Fahrplan, bemerkenswerterweise vom Jugendbeirat initiiert. Aber im Bezirksbeirat von S-Süd lassen sich dann die Politiker von irgendwelchen Beschwichtigungen der SSB überzeugen und legen die Sache ad acta. Keine Nachfragen, keine Aufträge zur Prüfung, kein Beschluss über eine sofortige Änderung des Fahrplans der Stadtbahn. Und das sind dieselben Politiker, dieselben Autofahrer, möchte man sagen, die über Stuttgart 21 entscheiden.

Es ist klar, dass in dieser Stadt zukünftig einiges anders werden muss. Wenn Stuttgart 21 demnächst wegen des Nachweises mangelnder Leistungsfähigkeit gestoppt wird, muss man die Scherben zusammenkehren, nicht nur bei Stuttgart 21. Auch bei der Politik ist dann Aufräumen angesagt. Und ein erster Schritt hierzu sollte sein, dass die Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 eine(n) eigene(n) Kandidaten/Kandidatin für die OB-Wahl aufstellt.          

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